Shaolin Kempo Chuan Fa


Die Ursprünge
Der Anfang war in Indien
Der Kampf ist so alt wie die Menschheit. Aus Einzeltechniken, die es ermöglichten, seinen Gegner zu besiegen, entstanden komplexere Kampfkünste, die von Familien, Stämmen und Ständen weitergegeben und -entwickelt wurden. Innerhalb von antiken Hochkulturen konnten sich diese Kampfkünste zu Weltanschauungen mit religiösem Hintergrund weiterentwickeln, die teilweise bis heute überliefert wurden. Eine dieser sehr alten Kampfkünste ist das Kalari-Payat (übersetzt etwa "Schlachtfeld-Training"), welches zur Zeit der Harappa-Kultur (um 2500 - 1700 v. Chr.) in der Provinz Kerala (Südindien) begründet wurde.
Ihm liegt, wie dem Hinduismus, der in der gleichen Zeit entstand, das universelle Konzept der Schaffung, Erhaltung und Zerstörung sowie das Prinzip der Polarität (heute bekannt als Yin-Yang-Prinzip) zu Grunde. Es ist daher nicht nur auf Verletzung und Tötung, sondern gleichermaßen auch auf Wohlbefinden und Heilung ausgelegt. Dies ist leicht verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß für beide Prinzipien die Kenntnis von der Lage und Funktion von Organen, Nervenpunkten und Energiekanälen unerläßlich ist. Den ersten großen Einfluß auf das Kalari-Payat übte die Eroberung Indiens durch indogermanische Stämme um 1500 v. Chr. aus. Aus diesen Kulturen wurden vor allem deren überlegene Waffen und Waffentechniken übernommen, die heute weite Teile des Kalari-Payat prägen. Ein, besonders im Hinblick auf die geistige Seite, noch viel größerer Einfluß ging von dem um 500 v. Chr. aufkommenden Buddhismus aus.

Der Weg nach China: Bodhidharma
Bodhidharma (chin.: Ta Mo; jap.: Daruma) wurde als drittes Kind des Königs Suganda in Madras (Südindien) geboren. Da er Mitglied der Kriegerkaste Kshatriya war, hat er die indische Kampfkunst Vajramushti, die dem Kalari-Payat ähnlich ist, erlernt. Darüber hinaus wurde er als Gelehrter des Dhyana Buddhismus (Sanskrit: sitzen mit gekreuzten Beinen in Ruhe und Versenkung) von seinem Meister zum 28er Patriarch des indischen Buddhismus ernannt. Nach dem Tod seines Meisters wollte er seine Lehren in andere Länder tragen und ging als wandernder Mönch nach China. Hier ließ er sich, der Legende folgend, nachdem er den Kaiser Wu-Di aus der Liang Dynastie getroffen hatte, als Mönch im Shaolin-Kloster (in der heutigen Provinz Henan) nieder.

Bodhidharma in China
Im Shaolin Kloster lebte er in Askese, meditierte 9 Jahre lang und entwickelte den Ch‘an Buddhismus (jap.: Zen Buddhismus), der vor allem Elemente des Dhyana Buddhismus und des Taoismus beinhaltet. Danach begann Bodhidharma seine Lehren weiterzugeben. Viele seiner Schüler verfügten jedoch nicht über die geistigen und körperlichen Voraussetzungen, die Meditationsübungen zu absolvieren. Deshalb entwickelte Bodhidharma ein System gymnastischer Übungen und Atemtechniken, um seine Schüler in die körperliche Lage zu versetzten, die Erleuchtung (chin.: Wu) und den Pfad zum Herzen Buddhas zu finden. Dabei ließ er zweifelsohne seine eigenen Erfahrungen aus den indischen Kampfkünsten einfließen. Aus diesen "Muskelspielen" wurden die "18 Händen des Lohan" entwickelt, welche neben den Lehren Bodhidharmas die Grundlage des heutigen Shaolin Kempo bilden.

Die Entwicklung in China
Im "Mittelalter"
Nach dem Tod Bodhidharmas verfiel die alte Lehre der 24 Muskelspiele und der 18 Mönchsübungen über die Jahre hinweg. Es blieb lediglich der Ch‘an Buddhismus, bis im dreizehnten Jahrhundert der berühmte Meisterboxer Yen unter dem Mönchsnamen Chueh Yuan in das Shaolin Kloster einzog.
Er war nicht nur Boxer (das alten chinesischen Boxstils - nicht zu verwechseln mit dem heutigen Boxen), sondern auch ein Meister der alten chinesischen Selbstverteidigung. Er nahm die Lehren Bodhidharmas auf und erweiterte die Anzahl der Übungen auf 72. In dieser Zeit waren die "Kampf-Mönche" des Shaolin Klosters bereits in aller Munde. Chueh Yuan zog nun weiter durch China, um andere Kämpfer anzuwerben, von ihren Stilen zu lernen und sich auf diese Weise weiterzuentwickeln. Diese Mönche gelangten nun in das Shaolin Kloster Fujian in Südchina. Hier erhöhte sich die Zahl der Übungen auf 181 und es kam zur Entwicklung der 5 Tierstile, die technische Grundlage des heutigen Kempo bilden.

Die 5 Tierstile
Die klassischen 5 Tierstile sind Drachen-, Schlangen-, Tiger-, Leoparden-, und Kranichstil. Hier wurden jeweils Bewegungsformen von Tieren adaptiert, um zu neuen Abwehr und Angriffsstrategien zu gelangen. Der Drachenstil ist der wohl bekannteste der 5 Tierstile. Er vereint eine fast schwerelose, leichte Bewegung des Körpers, mit präzisen Bewegung der Gliedmaßen, die durch ihre Schnelligkeit eine enorme Kraft entwickeln. Im Schlangenstil liegt eine besondere Betonung auf der tiefen Atmung. Die Stellungen sind tiefer als beim Drachenstil und Blitzschnelle Bewegungen, vor allem mit Handkanten und Fingerspitzen, werden präzise auf empfindliche Stellen und Nervenpunkte des Gegners ausgeführt. Der Tigerstil ist der augenscheinlich brutalste der 5 Tierstile. Hier führt die Tigerklaue, also die halbgeöffnete Hand, kraftvolle Schlag- und Reißbewegungen aus. Im ähnlichen Leopardenstil wird mit Leopardenklaue, also die halb geöffnete Faust, deutlich schneller und mit weniger Kraft geführt. Auffallend sind hier auch die deutlich tieferen Stellungen. Im Kranichstil wird ein besonderer Wert auf hohe, oft einbeinige Stellungen gelegt, was ein gutes Gleichgewicht erfordert. Die Armbewegungen sind oft gegenläufig-kreisförmig und dadurch schnell und kraftvoll.


Kempo in Europa
Dschero Khan Chen Tao
Der 1928 in der Mongolei geborene Dschero Khan Chen Tao entwickelte in einer von den chinesisch-japanischen Kriegen geprägten Zeit ein System, das er als "Shaolin Kempo" bezeichnete. Seine Studien beschränkten sich nicht nur auf Klosteraufenthalte in seiner Kinder- und Jugendzeit, er wurde auch durch die japanischen Meister Gogen Yamaguchi (Go-Jo Ryu Karate) und Nakano Michiomi (Shorinji-Kempo) stark beeinflußt. Nach seiner Emigration in die Niederlande im Jahre 1956 nam er den Namen Gerald Karel Meijers an und unterrichtete dort die ersten Chan-Shaolin-Siâ Gruppen.

Kempo in Deutschland
Hermann Scholz und Hans Stresius trainierten Shaolin Kempo bei Si Fu G. K. Meijers in Holland und brachten dieses System Anfang der sechziger Jahre nach Deutschland. In der Folge dieses Austausches kam es zur Gündung mehrerer Kampfsportverbände die 1988 in der Deutschen Wushu Federation e.V. zusammengefaßt wurden. Ab 1966 hielt Si Fu G. K. Meijers selbst regelmäßig Lehrgänge in Nordrhein-Westfalen ab. Im Rahmen dieser Chan-Shaolin-Siâ Gruppen erlernte unser frühere Trainer das Shaolin Kempo. Unsere Gruppe ist wiederrum aus langjährigem Training bei diesem und anderen Trainern hervorgegangen.

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